Sarah Wiener’s Mutter stand wie immer in der Küche, als sie mit Marie zuhause ankam. Heute gab es panierte Schnitzel von der Seezunge mit Kartoffeltalern und einer lustigen Salatbeilage (Sarah’s Mutter ließ sich immer ganz extravagante Gerichte...>>
Als Direktor Lodenmantel mit Kollege Tschaikowski im Schlepptau siegesgewiss in die Klasse kam, hatten sich die Fünfklässler gerade wieder ein bisschen beruhigt. Marie ahnte nichts davon, dass sie augenblicklich die Schule verlassen sollte und...>>
Kollege Tschaikowski war so sehr mit dem Auswechseln seiner falschen Bärte beschäftigt, dass er gar nicht mitkriegte, wie die Fünftklässler vor lauter Lachen schon am Boden lagen. Er war wie in Trance, wackelte immer heftiger mit beiden Ohren,...>>
In die Schule gehen zu wollen war sicherlich ein frommer Wunsch, aber wie alle Schüler musste sich auch Marie noch ein paar Tage gedulden. Die Kollegen zogen es nämlich vor, wegen der Jauchekatastrophe ein bisschen Zusatzferien zu machen. So hatte...>>
Als Marie wieder fit war, fragte Mama Berta behutsam, wo sie denn nachts eigentlich gewesen wäre. „Im Kaufhaus“, antwortete Marie sogleich, „bei meiner neuen Freundin Monika“. Mama Berta schaute sie nur ungläubig an und schüttelte den Kopf: „In...>>
In Zwergenhausen herrschte noch lange nach der Jauche-Attacke von Unteroffizier Kniebel heilloses Durcheinander. Die sonst so sauber gekehrten Sträßchen und adrett geschmückten Plätze waren von einer übel stinkenden braunen Matschepampe überzogen,...>>
Man kann sich vorstellen, welche Hüpfer Mama Berta’s Herz machte, als sie Marie in ihre Arme schloss, und aus den Kummertränen wurden Freudentränen. Die Nachbarn applaudierten wie verrückt und und schossen vor lauter Begeisterung Feuerwerkskörper in...>>
Marie staunte nicht schlecht, als sie im Morgengrauen zurück nach Zwergenhausen kam. In der Gartenstraße stapelten sich die Polizeifahrzeuge mit jaulenden Martinshörnern und blinkenden Blaulichtern, Polizeihauptwachtmeister Sauerbrey freute sich,...>>
Erst nach einer Weile hörte Marie die Stille, die seit dem Glockenschlag der Kirchturmuhr eingesetzt hatte. Sie lauschte in die Dunkelheit, aber es war weit und breit nichts zu hören. „Monika“, fragte sie schließlich, „bist du eingeschlafen“? Als...>>
Das war die erste Begegnung zwischen Marie und Monika. Marie war so aufgeregt, dass sie erst einmal gar nichts sagen konnte, daher erzählte Monika die ganze Zeit von ihrem Leben als Puppe im Abstell-Regal des KaDeSü. „Für die bin ich halt nicht mehr...>>
So aufgeregt war Marie noch nie gewesen. Erst war sie nachts ganz allein in die große Stadt gefahren, dann war sie wie ein Meisterdetektiv heimlich in das große Kaufhaus eingebrochen, hatte sich vor dem riesigen Wachmann verstecken müssen, und jetzt...>>
Bill hatte nicht zuviel versprochen. Marie musste nur einmal auf die große grüne Taste in der Mitte seiner genialen Fernbedienung drücken, und schon öffnete sich die Eingangstür des KaDeSü einen kleinen Spalt breit. Schnell schlüpfte Marie in die...>>
Noch lange nachdem die Fünftklässler maulend wieder abgezogen waren, stand Bill von den Mikrosofties wie versteinert mit seiner merkwürdigen Fernbedienung in der Hand vor der Haustür. Paul wagte kaum ihn anzusprechen, denn sein Meister hatte gerade...>>
„Woww, das ist echt bequemes digitales Leben!“, rief Bill von den Mikrosofties ganz begeistert und klatschte in die Hände. Neben ihm nickte der dicke Paul so beifällig, als wäre er selbst das Genie dieser bahnbrechenden Erfindung gewesen. Die...>>
Ab dem nächsten Morgen ging Marie wieder zur Schule. Kollege Tschaikowski, der sich inzwischen einen ziemlich echt aussehenden falschen Bart extra aus Russland hatte schicken lassen, verstand zwar immer noch nichts von Chemie, wollte aber das schief...>>
Für kleine Wesen wie Marie sind große Räume ja noch viel imposanter als für normal gewachsene Menschen, zumal wenn die Regale übervoll sind mit Dingen, die einen ständig anstarren und anbetteln. Und wenn man dazu von überall mit einlullender...>>
Als Mama Berta nach sieben Tränentagen und sieben Trauernächten keinen Rat mehr wusste und schon so verzweifelt war, Marie auf Anraten von Hausarzt Meier in die Seelenheilanstalt von Zwergenhausen einzuweisen, kam Marie eines Morgens frohgelaunt aus...>>
Wie immer, wenn Marie traurig war, schloss sie sich in ihr Zimmer ein und kam eine Weile nicht mehr raus. Dieses Mal war es aber besonders schlimm. All ihre Puppen, die mit Genickbruch und anderen schweren Blessuren vor ihr auf dem Boden lagen,...>>
Als Marie wieder zu Hause war, betrachtete sie Papa Willy und Mama Berta hinsichtlich der Chancen auf eine ältere Schwester. Papa Willy’s allabendliche drei bis vier Hefeweizen hatten ihm schon zu einem ziemlich beachtlichen Bauch verholfen, die...>>
Für die Rückfahrt kauften die Fünftklässler dieses Mal vorsorglich ein Gruppenticket Erster Klasse. Die Zweiunddreißig plus Marie besetzten den Ersteklassewaggon fast komplett, und weil alle ziemlich übel nach Chemiesee stanken, waren sie auch schon...>>
Freddy Hampel hatte seine Taucherausrüstung eingepackt und schlug vor, das Boot der Eimermänner zu kapern. Sein Plan war, Marie unauffällig ins Boot zu befördern (was bei ihrer Größe ja nicht schwierig war), dann unter dem Boot unterzutauchen und...>>
Weil schönes Wetter war, wollten alle sofort baden gehen. Die Fünftklässler rannten vom Bahnsteig weg um die Wette, wer als Erster an der Badestelle sein würde. Sarah Wiener setzte sich Marie in ihre schicke Sportmütze und sprintete los. Sie...>>
Die nächsten Wochen waren schulfrei. Frau Grimmig musste sich von dem Schreck in ihrer Küche erst einmal erholen und kaufte Unmengen von Stier-Leckerlies. Studienrat Trübestein war noch zwei Wochen krank geschrieben und malte sich immer neue...>>
Die Geschichte war die: als Marie sich in der Stadtbücherei verkrochen hatte um für die Schule zu lernen, Papa Willy daraufhin ins Delirium verfiel und Reporter Fritz den Bürgermeister des erneuten Kidnappings verdächtigte, hatte sich Maries Ruhm...>>
Zwergenhausen erlebte den zweiten Touristenansturm dieses Jahres. Wie beim ersten Mal, war das ganze Städtchen schon am Morgen verstopft, die Zugreisenden mussten wegen des überfüllten Bahnhofs mal wieder auf offener Strecke aussteigen (typisch Bahn...>>
Die Berichte über Maries Heldentat auf der Zwergenalm schlugen ein wie eine Bombe. Reporter Fritz konnte endlich damit aufhören, irgendwelche Entführungsgeschichten zu erfinden, Bayern 33 durfte sich über einen neuen Einschaltquotenrekord freuen,...>>
Reporter Fritz’ Stimme überschlug sich vor Begeisterung. „Meine Damen und Herren“, krächzte er heiser ins Mikrophon, „Gundula Grimmig ist jetzt gerettet! Marie sei Dank!“ Erst sah man Marie in Großaufnahme, dann zeigte Bayern 33 einen Rückblick der...>>
Der Zwergenhausener Gesamtschule gingen allmählich die Lehrer aus. Seit Marie in die Klasse gekommen war (und das waren ja gerade mal zwei Tage), gab es einen regelrechten Lehrerverschleiß. Nicht genug, dass der Direktor, der Studienrat und der Neue...>>
Tja, wie man sich vorstellen kann, erging es Direktor Lodenmantel auch nicht anders als Bürgermeister Huber ein paar Wochen zuvor. Die Foltermethode war einfach genial. Gleich nachdem Polizeihauptwachtmeister Sauerbrey dem Lodenmantel den Gänselkiel...>>
Das hätte der Lodenmantel nicht sagen sollen! Wie vom Blitz getroffen sprang Marie mit einem kühnen Hechtsprung empor zur Deckenlampe, einen ihrer spitzen Griffel zwischen den Zähnen. Dann stieß sie einen furchterregenden Schrei aus (das klang etwa...>>
Nachdem Studienrat Trübestein vom Notarzt ins Zwergenhausener Kreiskrankenhaus transportiert worden war, setzten sich alle um Marie herum und mampften aus der Riesenschultüte die Süßigkeiten, die Marie noch immer in der Klasse verteilte. Alle...>>
Nicht genug, dass Studienrat Trübestein’s Stimme wie eine messerscharfe Rasierklinge klang, jetzt lief auch noch sein Gesicht rot an wie eine reife Tomate. Die Fünftklässler verstanden gar nichts mehr, aber Marie schoss pfeilschnell die Szene ins...>>
Marie bestand auf einer Schultüte. „Aber du gehst doch schon in die fünfte Klasse“, erklärte Mama Berta, „da braucht man doch keine Schultüten mehr“. Marie schaute sie weiter skeptisch an. „Und außerdem“, füge Mama Berta nach einer Pause hinzu, „wie...>>
Papa Willy glaubte zu träumen. Er strich sich mit beiden Händen die Haare aus dem Gesicht und fuchtelte danach mit seinem imposanten Bart wild in der Gegend herum (was er damit genau bezwecken wollte, wusste natürlich niemand, aber mit dieser Nummer...>>
Als Marie die Stadtbücherei schließlich nach zwei Wochen verließ, hatte sie alles in allem eintausendvierhundertsiebenunddreißig Bücher gelesen. Sie war jetzt mindestens so schlau wie Albert Einstein, wahrscheinlich sogar noch schlauer. Auf dem...>>
Papa Willy, der bald feststellte, dass seine blödsinnige Größenberechnung wohl doch nicht so ganz hilfreich gewesen sein konnte, schwor sich, seine Tochter nie wieder zu vermessen (Marie kam tagelang nicht mehr aus ihrem Zimmer heraus, gab keinen...>>
Ihr könnt euch vorstellen, wie Mama Berta die Freudentränen nur so über die Wangen liefen, als sie Marie an sich drückte (dass ihr Gesicht dabei ganz schwarz verschmiert wurde, merkte sie nicht, aber es störte sie auch nicht im geringsten)....>>
Marie steckte im Schloss und kam nicht mehr vorwärts noch rückwärts. So hatte sie sich das nicht vorgestellt, denn noch vor ein paar Wochen hatte sie sich den Spaß gemacht, das Haus nicht mehr durch die Tür, sondern nur noch durch das Schlüsselloch...>>
Als sich Marie endlich wieder aus ihrem Versteck wagen konnte, schaute sie vorsichtig nach links und rechts, ob wirklich niemand mehr da war. Es war ruhig, anscheinend waren alle verduftet. Papa Willy schlummerte erschöpft im Lehnstuhl vor sich hin,...>>
War ihr erster Tag als Superstar noch ganz witzig gewesen, gingen ihr die ganzen Pressefritzen, die ewig durch ihre Ferngläser glotzenden Touristen, die vielen Menschen, die sich ihre Nasen an den Fensterscheiben platt drückten, und vor allem die...>>
Auch die Facebook-Seite leerte sich allmählich, am Ende gab es nur noch einen einzigen Fan, und das war Reporter Fritz. Der schrieb pausenlos begeisterte Kommentare, schilderte in den schillernsten Farben den Abfahrtslauf und wie er in...>>
Bürgermeister Huber musste sich wegen „groben Unfugs“ vor Gericht verantworten und kam ins Gefängnis. Da half ihm auch nichts, dass er der Volkshochschule die Schuld dafür gab, so was Kriminelles wie „Guerillia-Marketing“ überhaupt gelernt zu haben....>>
Am nächsten Morgen gab es keine Zeitung im ganzen Land, die nicht „Das Wunder von Zwergenhausen“ (oder so was Ähnliches) auf der Titelseite stehen hatte. Reporter Fritz war inzwischen so stolz auf „seinen Winzwedel“, dass er nur die Worte „Unsere...>>
Marie war über Nacht zum Star geworden, Zwergenhausen wurde im ganzen Land bekannt. Natürlich ist es ja schon eine gewaltige Sensation, wenn ein Däumling Ski-Königin wird, aber wenn die Ski-Königin dann auch noch vom Siegertreppchen geradewegs...>>
Mama Berta hatte Todesängste ausgestanden. Jetzt, wo sie Marie so friedlich schnarchend in ihrem Bettchen liegen sah, ließ sie ihren Tränen freien Lauf. Wie Gebirgsbäche schossen sie ihre runden Wangen herab, dabei schluchzte sie laut und innig,...>>
Während alle Welt nach Marie suchte und Bürgermeister Huber inzwischen von Polizeihauptwachtmeister Sauerbrey höchstpersönlich verhört wurde, lag Marie in ihrem Bett und schnarchte leise vor sich hin. Nachdem sie die Nase von Bürgermeister Huber mit...>>
Am nächsten Morgen erschien Bürgermeister Huber mit einem dicken Pflaster auf der Nase zur Pressekonferenz. Reporter Fritz hatte das Privileg, als einziger Journalist des Städtchens immer in der ersten Reihe sitzen zu dürfen, so dass er auch heute...>>
Schon am Abend gab es in den Lokalnachrichten die ersten Meldungen und Berichte über den Entführungsfall. „Was hat Bürgermeister Huber mit Marie vor?“, fragte beispielsweise Antenne Zwergenhausen seine Zuhörer. Der lokale Fernsehsender „Wir sind...>>
Mama Berta, die sich angesichts des plötzlichen Ruhms von Marie gerade zwei dicke Freudentränen von der Wange gewischt hatte, fing schon wieder an zu weinen, als sie sah, wie Bürgermeister Huber mit Marie verschwand. „O meine Marie, ohhh, ohhh,...>>
Reporter Fritz brummte der Schädel, seine dicke rote Nase blutete und sein Hintern tat ihm höllisch weh. „Marie“, zierte er sich nach einer ganzen Weile, „ich glaube, du hast gewonnen“. Und ob sie das hatte! Vor dem Siegerpodest drängten sich jetzt...>>
Marie schaute hin und wieder ein wenig mitleidig zu Reporter Fritz zurück. Sie musste über ihn lachen, wie er mit aufgeblasenen Backen, einer riesigen roten Nase und offenem Mund ununterbrochen in sein Mikrophon brüllte. Wenn sich das jemand am...>>
Marie ließ alle Anderen schon in den Vorläufen ziemlich alt aussehen. Flink wie ein Wiesel und geschmeidig wie eine Katze umkurvte sie mit ihren Elfenbein-Skiern die Tore und und hatte in allen Läufen immer die beste Zeit. Eigentlich hätte sie für...>>
Reporter Fritz hatte aber erst keine Zeit, weil er leider der einzige Reporter bei der Zeitung war und die große Politik, die rätselhafte Wirtschaft und die täglichen Tratschgeschichtchen aus der weiten Welt natürlich wichtiger waren als so kleine...>>
Auf der Rodelbahn sorgte Marie für Furore. Anfangs nahm sie niemand wahr, aber je länger sie übte, desto gekonnter wedelte sie die Abhänge hinunter, überholte immer öfter die erwachsenen Skifahrer, sogar die Jungs aus ihrer kleinen Stadt waren vor...>>
Bevor es dazu kam, übte Marie fleißig mit ihren neuen Skiern (indem sie jeden Tag laut brüllend den Abhang runter sauste), räumte ihr Zimmer mehr als 5x um (weil Berta absolut nicht nein sagen konnte und die Spielsachen sich allmählich türmten),...>>
Seit diesem Tag war Marie nicht mehr zu halten. Jeden Tag schleppte sie ihren Papa auf die Rodelbahn, fuhr mit ihm die waghalsigsten Kurven die Bahn hinunter, wurde jeden Tag schneller und schneller, bis Papa Willy sagte, jetzt könne er nicht mehr....>>
Für Marie fing ein neues Leben an. Sie musste nicht mehr immer nur zu Hause sitzen. Jetzt nahmen sie ihre Eltern mit, wenn sie zum Einkaufen gingen, einen Ausflug machten oder auch mal die Nachbarn besuchten. Im Supermarkt sah Marie mit großen...>>
Marie glühte vor Aufregung. Endlich hatten ihre Eltern kapiert, dass sie kein Sonderling war, sondern ein ganz normales Kind. Zugegeben, ein bisschen klein geraten, sehr klein sogar, sozusagen winzig. Aber auf der anderen Seite konnte sie mit einem...>>
Marie hörte gar nicht auf zu lachen. Ihre Eltern schauten sie an, als käme sie von einem anderen Stern, schauten sich einander an, dann wieder zu Marie, und ihr kam es vor, als wären Willy und Berta zu Salzsäulen erstarrt. „Hey“, rief Marie, „ihr...>>
Marie hatte Geburtstag. Es war Weihnachten und alle dachten an das liebe Christkind und den Weihnachtsmann mit seinem Sack und seiner Rute. Nur Willy und Berta dachten daran, dass Marie genau vor einem Jahr auf die Welt gekommen war. Genau hier,...>>
Marie wurde an Weihnachten geboren, genau am Heiligen Abend. Das war gut, weil niemand ihren Geburtstag vergaß. Aber das war auch schlecht, weil an Weihnachten alle an alles Mögliche denken, nur nicht an Marie’s Geburtstag. Und was noch schlechter...>>